Alle Zeit der Welt

Ist Zeit Geld? Und wenn ja, warum?

Volle Terminkalender, straffe Zeitpläne und Vollgas. 16 oder 18 Stunden lang. Tagtäglich. Mal etwas bewusst langsam zu tun, dafür fehlt vermeintlich die Zeit. Neulich. Eine kurze Begegnung am See. Tiefster Winter. Das Wasser ist gerade einmal drei Grad warm/kalt. Die Luft noch kühler. Aber Sonne. Für Nicht-Winterschwimmer kaum vorstellbar, jetzt ins Wasser zu gehen. Aber ich freue mich seit Stunden darauf. Ein Pärchen mit Kind schaut

Freude zeigt sich in Extremsituationen

mir bei meinen Vorbereitungen zu. Sie fragen: „Gehst du da jetzt hinein?“ Ich nicke. „Aber das ist doch saukalt!“ „Stimmt“, entgegne ich, „aber das weiß ich. Deshalb kann ich mich gedanklich darauf einstellen.“ Das Herz schlägt genau 50mal in der Minute, ich atme ruhig. Aus der Langsamkeit wird Gelassenheit. Obwohl ich mich jetzt in einer Extremsituation befinde. Bewusst. Freiwillig. Weil es meine Entscheidung ist, das zu tun, was ich tue. Nämlich langsam auf einen Gipfel zu steigen, in Ruhe durch die Ostsee zu schwimmen, gemächlich durch den Wald zu streifen. Ich kann das, ich darf das. Gerade in diesen Zeiten, die so herausfordernd daherkommen, sollte und muss ich das.

Denker und Dichter haben schon oft eine Vorliebe für die Langsamkeit formuliert. Weil sie kluge Beobachter waren, weil sie wussten, dass bestimmte Dinge ihre Zeit benötigen: „Alle Weisheit ist langsam,“ schrieb der deutsche Schriftsteller Christian Morgenstern am Ende des 19. Jahrhunderts. „Okay,“ könnte jetzt ein Einwand lauten, „das ist lange her und wir leben in einer Zeit der permanenten Herausforderungen und Möglichkeiten.“ Stimmt. Aber die Frage lautet doch: Muss ich immer wie eine Maschine „funktionieren“, stets und überall verfügbar sein, dies und das schnell erledigen?

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