Ankunft bei sich selbst

Wenn der Tag entsteht ist es immer wie ein Anfang

Draußen ist es noch dunkel. Nicht sonderlich kalt. Ich stehe vor der Erzherzog-Johann-Hütte und schaue in den sicher anbrechenden Tag. Am Horizont kündigt ein schmaler gelb-oranger Lichtstreifen das Ende der Nacht an. Im Tal schlafen die Leute sicher noch. In der „Adlersruhe“ herrscht dagegen alles andere als Schlafenszeit. Mehrere Bergsteiger-Gruppen packen ihre Rucksäcke, trinken noch rasch einen Kaffee, schweigen eher, manchmal murmeln sie wie „i bin no miad““ und schnallen sich die Steigeisen unter die Stiefel. Es ist kurz vor sechs Uhr in der Früh. Der Großglockner wartet. Mit 3.798m Österreichs höchster Berg. Sicher auch einer der begehrtesten Gipfel der Ostalpen.

Aufstieg zur Adlersruhe über die Stüdlhütte

Bei mir hat es lange gedauert, bis ich mich für einen Besuch der Glocknergruppe entschieden hatte. Mit dem Gedanken gespielt habe ich allerdings Jahrzehnte. Mitte der 1990er Jahre das erste Mal. Verworfen. Anfang der 2000er ein zweites Mal. Verworfen. Zu Beginn der 2020er Jahre wurde es Wirklichkeit. Warum nur? Ich könnte es mir einfach machen und sagen, hat sich irgendwie nicht ergeben. Tatsache ist, dass wirklich immer etwas anderes dazwischen kam. Aber vielleicht ist es auch eine Art reflektierte Demut, die mich so lange warten ließ. Grundsätzlich begegne ich jedem Berg, jedem Gipfel mit Respekt. Egal ob 1.000m über dem Meer oder 6.000 Meter. Ich bezwinge Berge nie. Ich besuche sie, weil sie es mir gestatten. Aber nur, wenn ich mich entsprechend verhalte. Nein, ich bin kein Spinner, der irgendwelche mythologischen Gottheiten auf den Spitzen wähnt. Ich akzeptiere einfach, dass es etwas Größeres gibt, das mich groß werden lässt, mir aber zu verstehen gibt, wie klein ich tatsächlich bin.

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