Die Geschichte vom Frühlingsgespür

Am Waldesrand gibt es nicht nur im Traum eigenartige Begegnungen

Josef schaute etwas ungläubig. Wie sollte das Männchen das anstellen? Josef fragte deshalb vorsichtig nach. „Wie lieber Mann, soll das gehen?”
„Nun,” schmatzte der Gnom genüsslich, „ich kann ein bisschen – sagen wir – zaubern. Mir wird schon etwas Gutes einfallen. Vertraue mir!”

Obwohl Josef wenig überzeugt wirkte, glaubte er dem netten Hutzelmann und bedankte sich brav. Der Zwerg sah dies, machte drei ungelenke Handbewegungen, dann drehte er sich um die eigene Achse und rief Josef zu: „Dass Du deine treulose Frau verloren hast, soll nicht weiter dein Schaden sein. Ich habe sie und ihren Göttergatten in eine Krähe und einen Habicht verwandelt. Und jedes Mal, wenn Du die beiden hier vorbeifliegen siehst, wirst Du wissen, dass Frühling und Herbst da sind. So kannst Du die Saat ausbringen und die Ernte rechtzeitig einfahren. Das wird Dir Wohlstand und Ansehen bringen.”

Wann ist der richtige Zeitpunkt für Aussaat und Ernte?

Als das Männchen das ausgerufen hatte, schaute es belustigt, nickte Josef wohlwollend zu, so als fragte es, ob der Bauer einverstanden sei. Josef war es.

„Und noch etwas,” rülpste der Gnom, “Kreszentia wird zu Dir zurückkehren, du musst nur Geduld haben.” Sprach’s und war verschwunden. Josef erwachte damals aus seinem Traum. Vor 67 Jahren war das.

Seither sah der Mann Kreszentia zweimal im Jahr. Zu Beginn des Frühlings und zum Ende des Sommers, wenn der Herbst nahte. 124 Mal hatte Josef das so ungleich flatternde Vogelpaar seither beobachtet. Und heute war es das 125. Mal. Der alte Mann saß auf seiner Bank, ganz versunken in seine Erinnerung, traurig, aber nicht verbittert, denn er hatte ein erfülltes Leben geführt. Weil er es so gemacht hatte, wie ihm das Männlein im Traum geraten hatte. Er liebte keine andere Frau als seine Kreszentia, obwohl sie im so weh getan und verletzt hatte.

Ein zufriedenes Leben am Rande der großen Berge

Neben Josef saß noch immer das Paar auf der Bank, das sich vorhin zu ihm gesellt hatte. Habicht und Krähe waren indes längst verschwunden, als Josefs Nebenmann zu sprechen begann. Und der Greis traute seinen Ohren nicht. Es war die Stimme des Hutzelmännchens aus dem Traum vor 67 Jahren.

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