„Granitstein mit Flechten drauf“

Jeder Zahnarzt rät davon ab. Jeder normal denkende Mensch käme auch nicht auf die Idee. „Auf Granit zu beißen“.  Aber im Harz könnte man das ausprobieren. Vor allem am Brocken, dem höchsten Berg des Gebirges, dem höchsten Berg Sachsen-Anhalts und dem höchsten Berg in ganz Norddeutschland. Also einer von #16Länder16Gipfel. Auf 1.141,2 Metern über dem Meer befindet sich der Gipfel, auf dem unzählige Menschen und andere sagenhafte Gestalten auf Granit beißen könnten.

Wiedersehen macht Freude: Bernd Wolff (links) ist Schrifsteller und ein Kenner des Harzes

Bernd Wolff ist ein wandelndes Lexikon. In dieser Geschichte aber eher ein wanderndes. Vor allem aber ist der 79-Jährige ein sympathischer Mann, ein angesehener Schriftsteller und ein Experte, was den Harz (das Wort stammt wohl vom alten Begriff Hardt für bewaldeter Hang) angeht. In Magdeburg geboren, kam Wolff mit 13 Lebensmonaten hierher. Seither lebt er im Harz. „Ich fühle mich wie ein verkrusteter Granitstein mit Flechten drauf“, sagt er. „Und die Flechten sind die Verbindungen, die ich zum Harz habe, zu dem Wald, zu den Menschen, zu den Orten, ja auch zu den Gerüchen.“

Bernd Wolffs Wurzeln im Harz sind tief. Aus allen möglichen Perspektiven hat er den Harz kennengelernt. Von oben, unten und und und.

„Mensch, gut schauen Sie aus“, sage ich, als ich Bernd Wolff vor dem Hotel in Schierke am Fuße des Brockens treffe.

Wintersport hat in Schierke Tradition

Es ist halb acht Uhr in der Früh. Kaum Wolken am Himmel. Es kündigt sich ein sonniger und vor allem heißer Sommertag an. „Sie haben sich aber auch nicht verändert“, lacht Bernd Wolff. „Toll, dass wir uns wiedersehen.“

Vor etlichen Jahren stand mir Bernd Wolff für ein Radiofeature schon sachkundig Rede und Antwort

Es ist einige Jahre her, dass wir uns das erste Mal getroffen haben. Auch damals war ich beruflich hier. Für ein Radiofeature, das ich schreiben wollte. Über Goethes Harzreisen im 18. Jahrhundert. Bernd Wolff war und ist Experte auf und in diesem Gebiet. Drei Romane hat der pensionierte Gymnasiallehrer über diese Reisen Goethes in das zottige Mittelgebirge im Norden Deutschlands geschrieben. Für Freunde guter Literatur ein Muss, wie ich finde. Goethe, Heine, Fontane. Viele Künstler haben den Harz bereist. Die Liste sei lang, sagt Bernd Wolff.

4 Gedanken zu „„Granitstein mit Flechten drauf““

  1. Ja, den Brocken zu ersteigen und zu entdecken – das ist einmal ein physischer und zum anderen auch ein innerer (mentaler ?) persönlicher Vorgang. Man sollte sich nicht dem Touristenstrom anschließen (dem es vielleicht wichtiger ist, was es „oben“ preiswert zu essen gibt), gut in Form sein und nicht zu viel erwarten, denn es kann krass werden.
    Der Brocken ist ein „alpines“ Geschenk, einfach so entstanden, zum Glück also ohne den Menschen. Dementsprechend gibt er sich auch anders als alles andere im Norden. Wie – das muss man selbst entdecken. DAS ist eben das Besondere. Dieses Besondere sollte man mit Respekt behandeln, dann bleibt es auch etwas Besonderes.

  2. „Das Poetische hat immer recht, es wächst über das Historische hinaus“, versicherte der Harzliebhaber Theodor Fontane aller Kulturgeschichte und erklärte damit die großen Harzdichter Goethe, Heine und in ihrem Gefolge Bernd Wolff, zuletzt mit seinem grandiosen Roman „Klippenwandrer – Heines Harzreise“, unabhängig von allen politischen Zeitläuften zu den eigentlichen „Herrschern“ und „Machthabern“ des Harzes. Und wenn bis heute im Harz „jeder Fußbreit Erde sich belebt und seine Gestalten herausgibt“ (noch einmal Fontane), dann ist das in unserer Epoche vor allem dem Werk Bernd Wolffs zu danken. Deshalb, mit einem Gruß des jungen Brockenwanderers Arthur Schopenhauer, „Wie liebt der Berg die Sonne“, Dank für diesen exklusiven Morgengang auf Deutschlands ungebrochenen Sehnsuchtsort Brocken.
    Und merkwürdig, wie selbst dieser heitere Sommermorgenaufstieg an die uns tief innewohnenden kleinen und großen Gipfelaufstiege der Literaturgeschichte erinnert, angefangen von Petrarcas Aufstieg im April 1336 auf den Mont Ventoux bis hin zu Goethes letztem Aufstieg auf den Kickelhahn bei Ilmenau mit den Enkeln Walther und Wolfgang an seinem Geburtstag 1831. Vermutlich sitzt dem Abendland seit dem Bericht von Moses Aufstieg auf den Sinai und den dabei in direkter Begegnung mit Gott empfangenen Gesetzestafeln eine unausrottbare Gipfelsturm- und Aufstiegslust in den Knochen, möglicherweise ein von Freud nicht entdeckter Ur-Trieb?
    Jedenfalls Dank für diesen in optischer wie sprachlicher Hinsicht ganz außergewöhnlichen Genuss! Man möchte gleich alles stehn und liegen lassen und in die „Gegend von Schierke und Elend“ reisen und von dort mit Goethe, Heine und Bernd Wolff im Gepräck auf den Brocken steigen.
    Karl Koch
    (Vorsitzender des Vereins Literaturlandschaften e. V., Nordhorn)

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