„Granitstein mit Flechten drauf“

Forstwirtschaftlicher Horror: Der Borkenkäfer hat den Wald erobert und in weiten Teilen schon zerstört

Vor uns breitet sich eine riesige Fläche forstwirtschaftlichen Schreckens aus. Unzählige weiße, silbrig schimmernde Baumstämme. Dicht gestaffelt, nackt, leblos, tot. Der Borkenkäfer hat sich hier ausgetobt und ganze Arbeit geleistet.

Der Borkenkäfer leistet ganze Arbeit

„Das passiert im Harz, auch hier am Brocken, immer wieder“, klärt mich Bernd Wolff auf. Oft, weil es Monokulturen sind, die hier stehen. Bevorzugt schnell wachsende Fichten, die man früher für den Bergbau brauchte. Jetzt frisst sich der Borkenkäfer satt und sorgt dafür, dass hier vielleicht wieder Mischwald entsteht. So, wie es ursprünglich einmal war. Auf manchem toten und umgestürzten Silberstamm wächst schon ein neues Bäumchen. „Das ist der Kreislauf der Natur“, sind Bernd Wolff und ich uns einig. „Jedes Ende ist ein Anfang.“

Neues Leben auf dem toten Holz. Jedes Ende ist ein Anfang

Noch ein paar Schritte über große Felsplatten aus Granit, dann die Gleise der Brockenbahn queren und schon erreichen wir die kleine Schutzhütte am Eckerloch.

An den schrägen Holzwänden haben sich Wanderer und Jugendgruppen verewigt. Graffiti im Gehölz.

4 Gedanken zu „„Granitstein mit Flechten drauf““

  1. Ja, den Brocken zu ersteigen und zu entdecken – das ist einmal ein physischer und zum anderen auch ein innerer (mentaler ?) persönlicher Vorgang. Man sollte sich nicht dem Touristenstrom anschließen (dem es vielleicht wichtiger ist, was es „oben“ preiswert zu essen gibt), gut in Form sein und nicht zu viel erwarten, denn es kann krass werden.
    Der Brocken ist ein „alpines“ Geschenk, einfach so entstanden, zum Glück also ohne den Menschen. Dementsprechend gibt er sich auch anders als alles andere im Norden. Wie – das muss man selbst entdecken. DAS ist eben das Besondere. Dieses Besondere sollte man mit Respekt behandeln, dann bleibt es auch etwas Besonderes.

  2. „Das Poetische hat immer recht, es wächst über das Historische hinaus“, versicherte der Harzliebhaber Theodor Fontane aller Kulturgeschichte und erklärte damit die großen Harzdichter Goethe, Heine und in ihrem Gefolge Bernd Wolff, zuletzt mit seinem grandiosen Roman „Klippenwandrer – Heines Harzreise“, unabhängig von allen politischen Zeitläuften zu den eigentlichen „Herrschern“ und „Machthabern“ des Harzes. Und wenn bis heute im Harz „jeder Fußbreit Erde sich belebt und seine Gestalten herausgibt“ (noch einmal Fontane), dann ist das in unserer Epoche vor allem dem Werk Bernd Wolffs zu danken. Deshalb, mit einem Gruß des jungen Brockenwanderers Arthur Schopenhauer, „Wie liebt der Berg die Sonne“, Dank für diesen exklusiven Morgengang auf Deutschlands ungebrochenen Sehnsuchtsort Brocken.
    Und merkwürdig, wie selbst dieser heitere Sommermorgenaufstieg an die uns tief innewohnenden kleinen und großen Gipfelaufstiege der Literaturgeschichte erinnert, angefangen von Petrarcas Aufstieg im April 1336 auf den Mont Ventoux bis hin zu Goethes letztem Aufstieg auf den Kickelhahn bei Ilmenau mit den Enkeln Walther und Wolfgang an seinem Geburtstag 1831. Vermutlich sitzt dem Abendland seit dem Bericht von Moses Aufstieg auf den Sinai und den dabei in direkter Begegnung mit Gott empfangenen Gesetzestafeln eine unausrottbare Gipfelsturm- und Aufstiegslust in den Knochen, möglicherweise ein von Freud nicht entdeckter Ur-Trieb?
    Jedenfalls Dank für diesen in optischer wie sprachlicher Hinsicht ganz außergewöhnlichen Genuss! Man möchte gleich alles stehn und liegen lassen und in die „Gegend von Schierke und Elend“ reisen und von dort mit Goethe, Heine und Bernd Wolff im Gepräck auf den Brocken steigen.
    Karl Koch
    (Vorsitzender des Vereins Literaturlandschaften e. V., Nordhorn)

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