„Granitstein mit Flechten drauf“

Weiter mit dem Du am Eckerloch

Bernd Wolff nimmt Platz und zückt seine Trinkflasche. Der Mann schwitzt kräftig, so wie ich. Am Berg sind wir alle gleich. „Wenn Du willst, Jörg, …ich heiße Bernd“, sagt er verschmitzt. „Das Angebot nehme ich gerne an. Bernd. Wenn ich ehrlich bin, habe ich darauf schon gewartet“, gebe ich erheitert zurück. „Aber aus Respekt vor dem Älteren bin ich nicht vorgeprescht.“

Rad aus abgesägtem Totholz

Also weiter mit dem Du. Wieder etwas steiler über Felsblöcke und Holzbohlenwege. Links und rechts der Wald, der sich allmählich lichtet. Im Rücken erkennen wir den Hang der alten Skisprungschanze, die es hier von den 1930er bis in die 1960er Jahre gab. Schierke galt als das St. Moritz des Nordens und hatte sogar ernsthafte Überlegungen, Olympia auszurichten. Daraus wurde nichts. Dann kam der Krieg und  die Deutsche Demokratische Republik. 1950 wurde die „Schanze der Einheit“ Austragungsort der ersten DDR-Meisterschaft im Skispringen. Bis auf 77 Meter flog der Beste auf dieser Schanze. Werner Lesser hieß der Rekordhalter, der diese Marke setzte. Mit dem Bau der Mauer 1961 allerdings fanden hier am Eckerloch auch keine Skisprungwettbewerbe statt. Die „Schanze der Einheit“ verfiel und Deutschlands Teilung verfestigte sich. Das Areal wurde militärisches Sperrgebiet.

Kerzengerade in den Himmel

„Hier konnte man als Normalsterblicher nicht mehr wandern“, erinnert sich Bernd Wolff. Der Brocken galt als unerreichbar, als Sehnsuchtsberg. 28 Jahre lang, bis zum Herbst 1989, als sich der eiserne Vorhang öffnete.

Schicksalsberg. Jahrzehntelang war der Brocken unerreichbar.
Sorgsam von der Natur aufgeschichtete Felsformationen

Jetzt ist der Brocken wieder ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer, Touristen und andere Gäste. Die wenigsten von Ihnen sind zu Fuß unterwegs. Somit ist der Pfad über das Eckerloch (zumindest heute) ein stiller Weg.

Road to … Borkenkäfer-Forest

Nach kurzer Zeit stehen wir auf der Brockenstraße. Noch knapp 1,5 Kilometer bis zur Kuppe. Ein Surren, ein Zischen. Zwei Rennradfahrer sausen im „Affentempo“ an uns vorbei in tiefer gelegene Gefilde. Wir streben dagegen nach oben und sehen zum Teil kahle, mitunter knorrige Bäume sowie sorgsam von den Kräften der Natur aufgerichtete Felsformationen.

Wetterstation, Sendemast und Hotel. Die Kuppe wölbt sich gen Himmel

Allmählich öffnet sich der Blick. Die kahle Gipfelkuppe wölbt sich sanft gschwungen gen Himmel. Im Hintergrund stehen die Wetterwarte, das Brockenhotel und die „Moschee“. Früher war das der westlichste Horchposten des Ostens. In der weißen Kugel auf dem Dach befand sich ein riesiges Richtmikrophon, mit dem die Sowjettruppen in den Zeiten des „Kalten Krieges“ weit in den Westen hineinlauschten. Heute befindet sich ein Museum in dem Gebäude. Zeiten ändern sich.

Der Brockengarten zeigt die Vegetation im alpinen Gelände. Denn die klimatischen Bedingungen auf dem Brocken entsprechen denen in den Alpen auf etwa 2.000 Meter Seehöhe. Forschungsarbeit wartet.

Wir lassen all das links liegen. Unser Ziel heißt Brockengarten. Dr. Gunter Karste wartet schon auf uns. Der promovierte Biologe ist Chef des Brockengartens und arbeitet für das Nationalparkamt Harz. Vor 28 Jahren, schon kurz nach der Grenzöffnung, kam er hierher. Die Leute nennen den Wissenschafter liebevoll den „Brockengärtner“.

Bernd Wolff hat Dr. Gunter Karste (rechts) um eine Führung im Brockengarten gebeten

Dieser botanische Garten existiert seit 1890 und beherbergt mittlerweile rund 1.500 Gewächse aus allen Hochgebirgen der Erde. Er schützt und bewahrt vom Aussterben bedrohte und sehr seltene Pflanzen. Einzigartige sind darunter, wie die Brockenanemone.

Einzigartig auf dieser Welt: Die Brockenanemone

Das Klima auf Norddeutschlands höchstem Berg entspricht dabei den Bedingungen im Alpenraum auf einer Höhe von rund 2.000 Metern. Rau, windig, kühl und manchmal einfach ungemütlich.

Für einen Wissenschaftler wie Dr. Gunter Karste ist der Brocken schon deshalb ein einzigartiges Forschungsgebiet. „Der Berg ist immer für eine Überraschung gut“, findet der Brockengärtner.

Voll in Aktion: Interview und Fotosession an der Brockenanemone

Und immer bläst ein Wind. In der Regel weht er mit einer Stärke von sechs bis sieben Beaufort. Manchmal aber auch als Orkan der Extraklasse. Kein Wunder. Denn zwischen Nordsee und Brocken liegt nichts, was den Wind aufhalten könnte. Ungebremst stoßen die tosenden Luftmassen dann auf diese natürliche Wand des Harzes.

4 Gedanken zu „„Granitstein mit Flechten drauf““

  1. Ja, den Brocken zu ersteigen und zu entdecken – das ist einmal ein physischer und zum anderen auch ein innerer (mentaler ?) persönlicher Vorgang. Man sollte sich nicht dem Touristenstrom anschließen (dem es vielleicht wichtiger ist, was es „oben“ preiswert zu essen gibt), gut in Form sein und nicht zu viel erwarten, denn es kann krass werden.
    Der Brocken ist ein „alpines“ Geschenk, einfach so entstanden, zum Glück also ohne den Menschen. Dementsprechend gibt er sich auch anders als alles andere im Norden. Wie – das muss man selbst entdecken. DAS ist eben das Besondere. Dieses Besondere sollte man mit Respekt behandeln, dann bleibt es auch etwas Besonderes.

  2. „Das Poetische hat immer recht, es wächst über das Historische hinaus“, versicherte der Harzliebhaber Theodor Fontane aller Kulturgeschichte und erklärte damit die großen Harzdichter Goethe, Heine und in ihrem Gefolge Bernd Wolff, zuletzt mit seinem grandiosen Roman „Klippenwandrer – Heines Harzreise“, unabhängig von allen politischen Zeitläuften zu den eigentlichen „Herrschern“ und „Machthabern“ des Harzes. Und wenn bis heute im Harz „jeder Fußbreit Erde sich belebt und seine Gestalten herausgibt“ (noch einmal Fontane), dann ist das in unserer Epoche vor allem dem Werk Bernd Wolffs zu danken. Deshalb, mit einem Gruß des jungen Brockenwanderers Arthur Schopenhauer, „Wie liebt der Berg die Sonne“, Dank für diesen exklusiven Morgengang auf Deutschlands ungebrochenen Sehnsuchtsort Brocken.
    Und merkwürdig, wie selbst dieser heitere Sommermorgenaufstieg an die uns tief innewohnenden kleinen und großen Gipfelaufstiege der Literaturgeschichte erinnert, angefangen von Petrarcas Aufstieg im April 1336 auf den Mont Ventoux bis hin zu Goethes letztem Aufstieg auf den Kickelhahn bei Ilmenau mit den Enkeln Walther und Wolfgang an seinem Geburtstag 1831. Vermutlich sitzt dem Abendland seit dem Bericht von Moses Aufstieg auf den Sinai und den dabei in direkter Begegnung mit Gott empfangenen Gesetzestafeln eine unausrottbare Gipfelsturm- und Aufstiegslust in den Knochen, möglicherweise ein von Freud nicht entdeckter Ur-Trieb?
    Jedenfalls Dank für diesen in optischer wie sprachlicher Hinsicht ganz außergewöhnlichen Genuss! Man möchte gleich alles stehn und liegen lassen und in die „Gegend von Schierke und Elend“ reisen und von dort mit Goethe, Heine und Bernd Wolff im Gepräck auf den Brocken steigen.
    Karl Koch
    (Vorsitzender des Vereins Literaturlandschaften e. V., Nordhorn)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.