„Granitstein mit Flechten drauf“

Enzian am Brockengipfel

Auch heute zirkuliert ein wenig Wind, ein vergleichsweise schwacher. Ein laues Lüftchen. Bernd Wolff, Christine und ich genießen das, umrunden die Kuppe und sehen weit ins Land. 60 vielleicht 70 Kilometer weit. „Dabei mischen sich Erinnerungen mit späteren Berichten“, erzählt Wolff. Es war in den 1940er Jahren, als  er das erste Mal hier oben war.  „Die Bahnfahrt, der kahle Gipfel, die nach oben strebenden Menschen. Fakt ist, dass mich seit meiner Kindheit die Geräusche der Bahn begleiten, das Huhlen der Lok, das Schnaufen beim Anstieg. Sie sind zum liebgewordenen Heimatgeräusch geworden.“

Hexenaltar und Teufelskanzel. Wir sehen zwar keine sagenhaften Gestalten, aber irgendwie spüren wir sie

Vor uns Hexenaltar und Teufelskanzel. Der Brocken ist der Blocksberg und nicht erst seit Goethes Faust Versammlungsort für Hexen und andere sagenhafte Gestalten. Auf Besen kommen sie geflogen. Weitgehend geräuschlos vermutlich. Deutlich besser hörbar ist dagegen die Brockenbahn. Der erste Zug des Tages ächzt den Berg hinauf und bringt Hunderte Touristen zum Gipfel.

Vorbei die Ruhe. Am Bahnhof herrscht Gewusel. Die Gaststätte und der Kiosk haben längst geöffnet. Bratwürste und Bier, Erbsensuppe und Eistee, Fritten und Fanta, Kaffee und Kuchen gehen über die Tresen. Die Sitzbänke sind voll besetzt.

Wir lassen es uns nicht nehmen und gehen zum Gipfelstein. „1.142 Meter“ steht auf dem großen Granitblock. Eine vermeintlich  großzügige Angabe. Denn laut offizieller Messung liegt der Brocken 1.141,2 Meter über dem Meeresspiegel. Die Diskrepanz ist schnell erklärt: Die Bronze-Tafel auf dem Stein befindet sich tatsächlich auf 1.142 Metern.  Die Besucher stört das wenig. Einmal ein Foto schießen auf Norddeutschlands höchstem Berg, auch wenn man dafür Schlange stehen muss. Egal.

1142m über dem Meer? Die Bronzetafel befindet sich in der Tat in dieser Höhe! Der Gipfel allerdings auf 1.141,2m.

4 Gedanken zu „„Granitstein mit Flechten drauf““

  1. Ja, den Brocken zu ersteigen und zu entdecken – das ist einmal ein physischer und zum anderen auch ein innerer (mentaler ?) persönlicher Vorgang. Man sollte sich nicht dem Touristenstrom anschließen (dem es vielleicht wichtiger ist, was es „oben“ preiswert zu essen gibt), gut in Form sein und nicht zu viel erwarten, denn es kann krass werden.
    Der Brocken ist ein „alpines“ Geschenk, einfach so entstanden, zum Glück also ohne den Menschen. Dementsprechend gibt er sich auch anders als alles andere im Norden. Wie – das muss man selbst entdecken. DAS ist eben das Besondere. Dieses Besondere sollte man mit Respekt behandeln, dann bleibt es auch etwas Besonderes.

  2. „Das Poetische hat immer recht, es wächst über das Historische hinaus“, versicherte der Harzliebhaber Theodor Fontane aller Kulturgeschichte und erklärte damit die großen Harzdichter Goethe, Heine und in ihrem Gefolge Bernd Wolff, zuletzt mit seinem grandiosen Roman „Klippenwandrer – Heines Harzreise“, unabhängig von allen politischen Zeitläuften zu den eigentlichen „Herrschern“ und „Machthabern“ des Harzes. Und wenn bis heute im Harz „jeder Fußbreit Erde sich belebt und seine Gestalten herausgibt“ (noch einmal Fontane), dann ist das in unserer Epoche vor allem dem Werk Bernd Wolffs zu danken. Deshalb, mit einem Gruß des jungen Brockenwanderers Arthur Schopenhauer, „Wie liebt der Berg die Sonne“, Dank für diesen exklusiven Morgengang auf Deutschlands ungebrochenen Sehnsuchtsort Brocken.
    Und merkwürdig, wie selbst dieser heitere Sommermorgenaufstieg an die uns tief innewohnenden kleinen und großen Gipfelaufstiege der Literaturgeschichte erinnert, angefangen von Petrarcas Aufstieg im April 1336 auf den Mont Ventoux bis hin zu Goethes letztem Aufstieg auf den Kickelhahn bei Ilmenau mit den Enkeln Walther und Wolfgang an seinem Geburtstag 1831. Vermutlich sitzt dem Abendland seit dem Bericht von Moses Aufstieg auf den Sinai und den dabei in direkter Begegnung mit Gott empfangenen Gesetzestafeln eine unausrottbare Gipfelsturm- und Aufstiegslust in den Knochen, möglicherweise ein von Freud nicht entdeckter Ur-Trieb?
    Jedenfalls Dank für diesen in optischer wie sprachlicher Hinsicht ganz außergewöhnlichen Genuss! Man möchte gleich alles stehn und liegen lassen und in die „Gegend von Schierke und Elend“ reisen und von dort mit Goethe, Heine und Bernd Wolff im Gepräck auf den Brocken steigen.
    Karl Koch
    (Vorsitzender des Vereins Literaturlandschaften e. V., Nordhorn)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.