„Granitstein mit Flechten drauf“

Für uns aber ist das zu viel Betrieb. Wir nehmen den Abstieg in Angriff und folgen der Brockenstraße, die bis in den Talort Schierke führt.

Der Urwaldstieg führt auf einem Holsteg mitten in das Schutzgebiet

Nach gut zwei Kilometern hält Bernd Wolff inne. „Wollen wir uns den Urwaldstieg ansehen?“, fragt er uns. „Gerne“, erwidere ich. Eigentlich ist der gesperrt, weil hier wegen des Borkenkäferbefalls etliche Bäume umgestürzt sind. Das kümmert Wolff nicht. Trotz seiner 79 Jahre klettert er wie ein junger Kerl über die Absperrung. Wir folgen ihm. Links und rechts des Bohlenweges, der einige hundert Meter in den Harzer Urwald führt, sind Tafeln aus Granit aufgestellt. Epigramme, die Bernd Wolff geschrieben hat. Er bleibt vor der ersten Tafel stehen, liest und wirkt gerührt.

Das erste von insgesamt sieben Epigrammen von Bernd Wolff
Bernd Wolff vor einem seiner Epigramme

Vermutlich fühlt sich Bernd Wolff gerade wieder wie der verkrustete Stein mit Flechten drauf. Mit all seinen Verbindungen zu dieser einzigartigen Gegend mit Grenzen und Geschichte(n). Zu diesem Ort aus Granit, an dem man sich die Zähne ausbeißen könnte. Aber wer will das schon? Genießen ist besser!

 

 

 

4 Gedanken zu „„Granitstein mit Flechten drauf““

  1. Ja, den Brocken zu ersteigen und zu entdecken – das ist einmal ein physischer und zum anderen auch ein innerer (mentaler ?) persönlicher Vorgang. Man sollte sich nicht dem Touristenstrom anschließen (dem es vielleicht wichtiger ist, was es „oben“ preiswert zu essen gibt), gut in Form sein und nicht zu viel erwarten, denn es kann krass werden.
    Der Brocken ist ein „alpines“ Geschenk, einfach so entstanden, zum Glück also ohne den Menschen. Dementsprechend gibt er sich auch anders als alles andere im Norden. Wie – das muss man selbst entdecken. DAS ist eben das Besondere. Dieses Besondere sollte man mit Respekt behandeln, dann bleibt es auch etwas Besonderes.

  2. „Das Poetische hat immer recht, es wächst über das Historische hinaus“, versicherte der Harzliebhaber Theodor Fontane aller Kulturgeschichte und erklärte damit die großen Harzdichter Goethe, Heine und in ihrem Gefolge Bernd Wolff, zuletzt mit seinem grandiosen Roman „Klippenwandrer – Heines Harzreise“, unabhängig von allen politischen Zeitläuften zu den eigentlichen „Herrschern“ und „Machthabern“ des Harzes. Und wenn bis heute im Harz „jeder Fußbreit Erde sich belebt und seine Gestalten herausgibt“ (noch einmal Fontane), dann ist das in unserer Epoche vor allem dem Werk Bernd Wolffs zu danken. Deshalb, mit einem Gruß des jungen Brockenwanderers Arthur Schopenhauer, „Wie liebt der Berg die Sonne“, Dank für diesen exklusiven Morgengang auf Deutschlands ungebrochenen Sehnsuchtsort Brocken.
    Und merkwürdig, wie selbst dieser heitere Sommermorgenaufstieg an die uns tief innewohnenden kleinen und großen Gipfelaufstiege der Literaturgeschichte erinnert, angefangen von Petrarcas Aufstieg im April 1336 auf den Mont Ventoux bis hin zu Goethes letztem Aufstieg auf den Kickelhahn bei Ilmenau mit den Enkeln Walther und Wolfgang an seinem Geburtstag 1831. Vermutlich sitzt dem Abendland seit dem Bericht von Moses Aufstieg auf den Sinai und den dabei in direkter Begegnung mit Gott empfangenen Gesetzestafeln eine unausrottbare Gipfelsturm- und Aufstiegslust in den Knochen, möglicherweise ein von Freud nicht entdeckter Ur-Trieb?
    Jedenfalls Dank für diesen in optischer wie sprachlicher Hinsicht ganz außergewöhnlichen Genuss! Man möchte gleich alles stehn und liegen lassen und in die „Gegend von Schierke und Elend“ reisen und von dort mit Goethe, Heine und Bernd Wolff im Gepräck auf den Brocken steigen.
    Karl Koch
    (Vorsitzender des Vereins Literaturlandschaften e. V., Nordhorn)

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