Kein Platz für Kopfkino

Verschwommen oder abgetaucht

Die hellblaue Badekappe schmiegt sich an den kahlen Kopf. Rasch stehe ich in Badehose und mit nackten Füssen an der Waterkant. Grell orange leuchtet die Sicherheitsboje, die ich immer um den Bauch schnalle, sobald ich ins Freigewässer gehe. Klar. Auch für den Fall der Fälle, sollte etwa ein heftiger Wadenkrampf ein Weiterschwimmen kurzzeitig kaum möglich machen. In erster Linie aber dient die Boje als Warnsignal. Das knallige Orange ist selbst für Ruderer (die immer rückwärts unterwegs sind) weithin sichtbar. Ein Crash mit einem Achter ist nämlich kein Spaß.

Alster, Elbe, Seen, Meer – Hauptsache Wasser

Inzwischen steht mir das Wasser bis zum Hals. Kurz die Schwimmbrille zurechtrücken, einmal untertauchen und Tuchfühlung mit dem Alsterwasser aufnehmen. Wobei Tuch sich auf die Badebüx beschränkt. Sonst ist da nicht viel mehr zwischen Wasser und Körper. Zwar besitze auch ich einen Neopren-Anzug. Der aber hängt daheim über dem Bügel im Schrank. Seit Jahren. Ungenutzt. Wozu eine „Pelle“ mühsam überstreifen, wenn es ohne mehr Spaß macht und nichts klemmt oder einengt. Da ist sie wieder: Die Freiheit. In diesem Fall die der Bewegung in Schulter und Rumpf.

Und tschüss… bis nachher

Das Yoga-Pärchen schaut mir ein wenig zu. Sie sagt mit ein bisschen Sarkasmus in der Stimme: „Ist wohl doch ein bisschen (zu) frisch.“ Ich schüttele mich. „Ja klar ist das kalt, aber deshalb mache ich das schließlich.“ „Aha. Und warum?“, fragt jetzt der Mann. „Das tut doch weh.“ Diesmal schüttele ich den Kopf. „Nein, schon längst nicht mehr. Ich genieße das!“ „Wie soll das denn gehen?“, hakt die Frau nach. „Ich habe das Schwimmen im kalten Wasser in meiner Hirndatei mit der Zuschreibung positives Erlebnis abgelegt. Normalerweise ist es so, dass wir kalt als unangenehm oder schmerzhaft empfinden und so mit einer negativen Erfahrung verbinden. Ich tue das nicht mehr zwangsläufig, weil ich inzwischen die wohltuende Wirkung der Kälte zu schätzen weiß.“

Das Paar schaut sich etwas verdutzt an. „Und das kann man einfach so?“ „Ja“, erwidere ich. „Aber nur, wenn man körperlich 100prozentig fit ist, das Herz-Kreislaufsystem medizinisch einwandfrei funktioniert und man sich auf dieses Abenteuer einlässt.“ Denn das ist es. Eine Art Abenteuerreise. Zu sehen, was ich erlebe, was ich fühle und wo ich mit klarem Bewusstsein sagen kann: „Bis hierher und stopp.“ Grenzerfahrung nennt sich das wohl. Um dann festzustellen, dass etliche Grenzen nicht existieren oder eben nur im Kopf.

Kaltwasserschwimmen ist wie eine Abenteuerreise

„Das ist wie beim Meditieren“, flüstert die Yoga-Dame. „Stimmt. Ich horche in den Körper hinein, was er für Signale schickt. Und wenn er sagt, geh raus, dann verlasse ich das Wasser.“ „Ich sehe, dass du ganz tief atmest, das machen wir beim Yoga genauso“, stellt der Mann fest. „Mit der Atmung steuere ich fast alles. Sie ist der Schlüssel. Bewusstes tiefes Luft holen macht uns ruhig und aufmerksam.“

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