Milch statt Munition

Seltsam, was ich für Gedanken habe, während ich am eingezäunten Gelände vorbeistreife. Zur Schmidt-Zabierow-Hütte ist es laut Wegetafel ein Dreistundenmarsch. Gut 1.000m hinauf, erst durch dichteren Wald, dann durch lichtere Bestände und schließlich über baumloses Gebiet. An einigen Felsen am Weg hängen Bilder von abgestürzten Kletterern oder Lawinenopfern. Die Natur ist nicht ungefährlich. Vor allem, wenn das Wetter macht, was es will. Die schroffen Kalkwände der Steinberge sind dann glitschiger und noch „grauer“ als sonst. Die Sicht ist keine, weil dichte Wolken kaum Ausblicke erlauben. Ich mag das! Natur fragt nicht nach Schönheit. Sie IST einfach. Wild. Lieblich. Einnehmend. Abweisend. Alles Zuschreibungen, die wir Menschen verleihen. Die Natur kennt sie nicht.

Für kurze Momente gibt es so etwas wie Fernsicht

Keine Zeit also für Postkarten-Motive im strahlenden Sonnenschein. Dafür Einblicke in die andere, nicht weniger spannende Lebenswelt der Berge. Andere Menschen treffe ich nicht. Immerhin: In einiger Entfernung grast eine Gruppe Gämsen. Längst haben sie die Ohren gespitzt und befunden: Der Zweibeiner stört nicht, er wird uns nicht gefährlich. Friedlich zupfen die Bergziegen an den inzwischen mageren Gräsern und Kräutern. Das alles in erstaunlicher Schrägstellung und bei wenig freundlichen Wetterbedingungen.

Nicht Ägypten, aber doch eine wunderbare natürliche Pyramide

Dennoch mag ich das. Stehen, schauen, staunen. Wenn die dichten Wolken einige Hundert Höhenmeter über mir die Pyramiden der Rothörner (heute eher grau-blau) nur für kurze Momente freigeben. Dramatisch sieht das aus, so empfinde ich das. Vielleicht weit weg von der Norm, von der ich nicht weiß, wer sie festlegt oder was sie sein soll. Ich schwitze, atme tief, inhaliere kühle Bergluft. Leichtes Husten. Es pfeift. Nicht in meinen Lungen, sondern in meinen Ohren. Der Wind spricht: „Schau einfach.“ Mache ich. Nach unten, nach oben, zur Seite, in die Ferne, was heute Ferne sein kann.

Die Sonne setzt sich nur mäßig erfolgreich durch

Wieder eine Wolkenlücke. Mit milchig rosa-oranger Kraft versucht die Sonne, die „Suppe“ zu durchbrechen. Es gelingt zaghaft. Diffus, einzigartig, etwas mystisch vielleicht. Mein Herz schlägt kräftig. Ich genieße jede Sekunde, halte einige Momente fest, fotografiere die immerwährende Veränderung. Bei Sonnenschein, denke ich mir, kann das jeder. Bei diesem Wetter machen das nur wenige. Ich schon. Weil ich es liebe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.