Sie isst nicht, sie frisst

Am Eingang der wilden Schlucht.

Die Bode isst nicht, sie frisst. Seit Jahr Million vertilgt sie Harzgestein, schmirgelt mit ihrer Wucht Felsen glatt, formt Ufer, schleift Steinchen zu Sand, spendet Lebenskraft für Pflanzen und Tiere. Der Fluss hat hier eine spektakuläre Schlucht modelliert. Links und rechts ragen steile Felswände gut und gerne 250 Meter in den Mai-Himmel. Auf dem steinigen Untergrund wachsen Fichten, Buchen, Eichen, Eschen und – ganz typisch – Eiben. Teils im zarten Grün des Frühlings.

Zartes Grün, rauschender Fluss, steile Felswände

Bernd Wolff und ich staunen. Wir recken unsere Hälse, um die kühnen Bergspitzen mit ihren Zacken und Zinnen zu sehen. Wind und Wetter haben sie zerzaust. Wer will und kann, erkennt da ein teuflisches Horn, eine Hexennase, einen Tierkopf oder, ja was…? Die Kraft der Phantasie ist grenzenlos. Kurz innehalten, die klare Luft einatmen, nachdenken, schweigen, dann wieder reden. So machen Bernd und ich das heute. Gemütlich, genießend, gemeinsam. Klar sprechen wir über die Corona-Pandemie, über die Beschränkungen und die Folgen. Aber nicht zu viel. Schließlich sind wir nicht hier, um die Welt zu retten. Eher umgekehrt: Dieses wunderbar wilde Fleckchen Erde soll uns helfen, Abstand zu gewinnen. Zum Alltag und den Sorgen, die uns in diesen ungewöhnlichen Zeiten umtreiben.

Für Bernd Wolff ist das Bodetal eine Art Rückkehr. Wie oft er schon hier war, kann er nicht sagen. Sehr oft. Das steht fest. Es gibt kaum etwas,  das der belesene und sachkundige Mann nicht über den Harz wüsste. Einige Leute sagen, „der Wolff ist ein wandelndes Harzlexikon.“ Das schmeichelt ihm, gleichwohl hört er es nicht so gern. Lieber spricht er von geliebter Heimat, die „mein Leben geprägt hat.“

Denkmal für den Dichter und Denker

Im Hintergrund rauscht die Bode weiter Richtung Thale. Und wir passieren den Goethefelsen. Mehrfach war der große deutsche Dichter und Denker im Harz, auf „Dienstreise“. Auch im Bodetal. Dieser scharf geschnittene, dreieckige Granitzacken trägt deshalb Goethes Namen. Auf einer Bronzetafel ist dessen Besuch verewigt. Nur wenige Minuten weiter wartet ein Ausflugslokal. Um Stühle, Tische und Bänke des Biergartens ist rot-weißes Absperrband gespannt. Es flattert im Wind und surrt dabei ein wenig. Der Ausschank ist – als wir vorbeischauen – geschlossen, das Gasthaus „Königsruhe“ hat zu. (Öffnungszeiten bitte erfragen.)

Das Gasthaus Königsruhe ist ein beliebtes Ausflugslokal

Dennoch sind Bernd und ich nicht allein. Wir hören eine weibliche Stimme. „Hallo, hallo, ist da wer?“ Längst hat uns die Dame gesehen und fragt: „Kann ich einen Kaffee bekommen?“ Wir verneinen und klären sie auf, dass wir auch nur Wanderer seien und nicht zum Personal gehören. Das aber scheint Elke nicht zu stören. So heißt die Dame, die bereitwillig ihren Vornamen verrät, ihren Familiennamen aber „aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht preisgeben möchte.“

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