Wo die Freiheit saust und haust

Das Hochtor ist der höchste Berg im Gesäuse. Knapp 2.400 Meter hoch
Das Hochtor ist der höchste Berg im Gesäuse. Knapp 2.400 Meter hoch

Gleich hinter dem Kölblwirt am Johnsbacher Dorfende biegt der Weg links ab. Wieder hinauf. Mäßig steil windet sich der Pfad durch Wald, über Wiesen, vorbei an einem Wasserfall. Kurz danach eine Weggabelung. Links führt der Steig direkt hinauf über das Schneeloch zum Hochtor, dem mit knapp 2.400 Metern höchsten Gipfel des Gesäuses. Rechts geht der Weg über die untere Koderalm. Ich entscheide mich für die sichere Almvariante. Im Schneeloch liegen einfach noch zu viele Reste vom Winter. Ein Besuch des Johnsbacher Friedhofs ist okay, dort vorzeitig dauerhaft zu bleiben, eher nicht.

Auf den Almen grasen noch keine Kühe. Es ist still hier. Keine anderen Menschen. Kein Lärm, keine Hektik, dafür aber ganz viel intakte Natur. Weiter oben durchstreife ich die Stadlalm mit ihren kleinen Holzhütten und Stadeln. Am Gamsbrunn(en) gabelt sich der Weg ein weiteres Mal. Ich gehe Richtung Norden. Nicht mehr weit bis zur Hesshütte. Sie thront auf 1.699 Metern zwischen Hochtor und Zinödl. Das ist das Reich von Manu Wolf und Reini Reichenfelser, den beiden Wirtsleuten. Es herrscht Hochbetrieb. Gerade kehrt eine 44-köpfige Wandergruppe ein. Vor dem Tresen hat sich eine lange Warteschlange gebildet. Wandern macht hungrig. Schweinebraten, Erbsensuppe, Hirschgulasch und Schokokuchen liefern neue Energie.

Manu und Reini sind ein eingespieltes Team. Von Hektik keine Spur. Schnell sitzt ein jeder Gast mit einer leckeren Mahlzeit an einem der Tische und ist zufrieden. Ja, vielleicht auch ein bisschen glücklich. Über das Geschaffte, die wunderbare Aussicht und das gemeinsame Wanderlebnis.

Viele finden den Weg hinauf zur Hesshütte. Mit Sack und Pack.
Viele finden den Weg hinauf zur Hesshütte. Mit Sack und Pack.

Am Nachmittag leert sich die Hesshütte wieder, es kehrt Ruhe ein. Ich komme mit Fritz Reichenfelser ins Gespräch. Der 71-Jährige ist Reinis Onkel und heraufgekommen, weil er den Weg wieder einmal „geputzt“ hat. „Das mache ich seit zehn Jahren ehrenamtlich“, sagt der gelernte Dachdecker. „Große Steine aus dem Weg räumen, Wasserrinnen freimachen, den Weg gut begehbar halten.“ Alle 14 Tage findet der Fritz den Weg hier herauf und stattet der Hesshütte seinen Besuch ab. Der Wegewart ist ein Bergmensch durch und durch. Im Himalaya war er, die Westalpen mit Matterhorn, Mönch und Jungfrau kennt er und natürlich fast jeden Felsen im „Gseis“. Auch die vielen Murmeltiere, die hier oben gerne eine Kostprobe ihres „Pfeifkonzertes“ geben.

Blau, so blau der Wegesrand. Fritz Reichenfelser hält den Steig zur Hütte sauber. Blumen lässt er freilich stehen.
Blau am Wegesrand. Fritz Reichenfelser hält den Steig sauber. Blumen lässt er freilich stehen.

Reini und Manu gesellen sich zu uns. Im Jahr 2002 haben sich beiden ineinander verliebt. Seit 2004 arbeiten sie hier gemeinsam. Reinhard Reichenfelser jedoch ist schon viel länger auf der Hesshütte.

„Als junger Kerl war ich ein Rossbub‘, habe mit dem Pferd die Lebensmittel und anderen Waren heraufgebracht. Damals war meine Tante die Wirtin hier.“ 1981 hat Reini das Haus übernommen. 1989 dann ein Schicksals-Schlag für den gelernten Tischler. Bei ihm wird Multiple Sklerose diagnostiziert. Doch diese Erkrankung des zentralen Nervensystems lässt sich Reichenfelser kaum anmerken. „Ich versuche alles so weiter zu machen wie bisher.“ Nur mit dem Gehen hat er nach einer gewissen Zeit Probleme. „Dann mache ich eine Pause. Bergsteigen kann ich nicht mehr.“

Mehr als nur ein eingespieltes Team. Liebespaar und Hüttenwirte mit Leib und Seele. Manu und Reini
Liebespaar und gutes Team. Manu und Reini sind Hüttenwirte mit Leib und Seele.

Manu nimmt die Hand ihres „Schatzis“. „Zu Beginn der Saison bringt der Hubschrauber Reini zu seinem Arbeitsplatz. Mitte Oktober holt der Helikopter ihn wieder ab.“ Manu erzählt das so, als sei es das Normalste auf der Welt. Benannt ist die Hesshütte nach dem Erschließer des Gesäuses, nach Heinrich Hess.

Der Armaturen-Fabrikant aus Wien erkannte schon im 19. Jahrhundert, welches Potenzial in den hiesigen Bergen schlummerte. Als „Kolumbus der Ennstaler Alpen“ gilt Hess bis heute, als einer der Pioniere in diesem Gebiet. 1893 wurde die Hesshütte eingeweiht. Sie ist damit das zweitälteste Schutzhaus im „Gseis“. Draußen, über dem Küchenfenster, hängt noch das Originalschild, „mit scharfem S“. Manu und Reini fühlen sich dem Erbe verpflichtet. Auf ihre ganz persönliche und herzliche Art und Weise. „Hier sind wir daheim mit guten Leuten und besonders lieben Gästen.“

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