MödlingSounter

Wo die Freiheit saust und haust

Bis ich dort einkehre, muss ich erst einmal wieder absteigen ins Tal. In leichter Kletterei an Drahtseil versicherten Stellen klettere ich etwa 700 Höhenmeter in die Tiefe, bis in den dicht bewaldeten Ebersanger. Dann weitere 800 Höhenmeter durch den Wasserfall-Steig. Eisenleitern, Eisenstifte und Drahtseile erleichtern den fast senkrechten Abstieg. Zahlreiche Menschen kommen mir in dem Klettersteig entgegen. „Ich würde da nie runtergehen, viel zu luftig“, schnauft mir eine junge Frau entgegen. „Ist es noch weit bis oben?“ Ich lächele und beschließe, den Wasserfallweg beim nächsten Mal auch lieber von unten nach oben zu machen. Nicht weil mir ob der Steilheit schwindelig wäre, sondern weil das Hinaufklettern einfach mehr Spaß macht.

Weckt die Lebensgeister. Das Kropfbründl mit kaltem Wasser
Weckt die Lebensgeister. Das Kropfbründl mit kaltem Wasser

Unten, auf dem großen Parkplatz an der Krummerbrücke, qualmen die Socken. Selten habe ich mich so auf den nächsten Aufstieg gefreut. Für ca. 20 Minuten folge ich der Enns. Dann biege ich am Weißenbach Richtung Norden ab. Die schneeweißen Steine im Bachbett blenden ein bisschen. Schlussetappe eines langen Tages mit Höhen und Tiefen. Am Kropfbründl trinke ich einen Schluck vom kalten Quellwasser und schütte mir ein bisschen davon über den kahlen Kopf. Ich glaube, ein Zischen zu hören.

In engen Serpentinen zieht sich jetzt der Weg für eineinhalb Stunden hinauf durch Wald und über die Hörantalm. Ein paar Kühe käuen wider. Ihre Glocken bimmeln im Rhythmus der Kaubewegungen. Einige hundert Höhenmeter weiter oben erfrische ich mich noch einmal. Diesmal plätschert das Wasser aus dem Butterbründl. Der Name weist darauf hin, wofür das kalte Nass des Brunnens früher genutzt wurde: zum Kühlen der Butter.

Etwa 200 Höhenmeter weiter öffnet sich der Wald. Vor mir steht die Ennstaler Hütte. 1885 erbaut, ist sie das älteste Schutzhaus des Gesäuses. Die alten Holzschindeln an der Fassade wirken so, als stammten sie noch aus der Gründerzeit. Etliche Blumentöpfe, Tische und Bänke stehen vor der „Ennstaler“. Es herrscht Andrang. „An den Wochenenden ist hier immer viel los, zumindest, wenn das Wetter passt“, sagt Christina Knappitsch. Gemeinsam mit ihrem Mann Philipp, ihrer Mutter Maria und Saisonkraft Julia kümmert sich die junge Frau um die Bewirtung der Gäste. „Immer mit der Ruhe“, lächelt Christina. „Mit Hektik kommen wir hier nicht weiter“, schmunzelt Maria. Toll, wie die Damen die Bestellungen gelassen und flink abarbeiten. Die Hüttenleute stammen aus Gstatterboden. Philipp hat Koch gelernt. 2011 haben er und seine Frau die Ennstaler Hütte übernommen. „Das war ein Traum, und jetzt leben wir ihn.“

Den Speisen, bei mir ist es ein deftiger Schweinebraten mit Sauerkraut und Semmelkloß, merkt man das an. Lecker und sättigend. Der große Ofen in der Mitte der Gaststube verströmt gemütliche Wärme. An den Stangen über dem Ofen hängen Socken und T-Shirts zum Trocknen. Neben mir sitzt eine Gruppe Studenten aus Wien am Tisch. Die drei jungen Frauen und ihr männlicher Begleiter spielen Karten. Wir „ratschen“. Der angehende Physiker Moritz erzählt: „Immer wenn es geht, sind wir in den Bergen. Heute waren wir im Klettersteig am Tamischbachturm. Eine tolle Tour.“ Draußen wird es dunkel. Ich werfe einen Blick aus dem kleinen Fenster. Plötzlich strömen viele Gäste hinaus, den feuerroten Sonnenuntergang anschauen und fotografieren.

Glühende Verehrung für den Platz an der Abendsonne
Glühende Verehrung für den Platz an der Abendsonne

Christina und Philipp sitzen an einem Tisch in den Liegestühlen. Zeit zum Durchschnaufen. „Ist das nicht herrlich hier“, fragt Christina und nippt an ihrem Rotweinglas. Ich nicke. „Ihr habt ein schönes Plätzchen gefunden.“ „Ja“, sagt Philipp, „wir wollen auch nicht tauschen, auch wenn es da oben ein Wasserproblem gibt.“ Die ganze Gegend ist eher trocken. Das Trinkwasser wird per Materialseilbahn in großen Milchkannen aus Aluminium zur Hütte geliefert. Alle 14 Tage. „Die Kannen kühlen das Wasser prima. Die etwas urige Methode hat sich bewährt.“

Immer, wenn ich in den Bergen unterwegs bin, lerne ich. Zum Beispiel, dass frisches und sauberes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist. Ich lerne die kleinen, aber sehr wichtigen Dinge wieder zu schätzen. Das erdet, macht dankbar… und zufrieden. Ein Luxus, ein Kontrast zur so hektischen Welt in der Großstadt.

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