Wo die Freiheit saust und haust

Früh morgens um halbzehn Uhr bin ich wieder im Tal. Von Gstatterboden aus steige ich ein letztes Mal auf. Das Buchstein-Haus bildet den Schlusspunkt meiner Hüttenwanderung im Gesäuse. Auf dem Wegeschild lese ich, dass ich gut zwei Stunden brauchen werde. Doch ich bin schneller. Liegt es an den dicken grauen Wolken, die sich in dieser Wetterküche zusammenbrauen? In langen Serpentinen zieht sich der Weg. „Von vielen werden die gehasst“, erzählt mir später Hüttenwirt Helmut „Tschitschi“ Tschitschko. „Die wurden angelegt, als das Haus in den 1920er Jahren erbaut wurde. Damit die Haflinger-Pferde das gesamte Baumaterial hierherbringen konnten.“ Viel Fichtenholz war darunter. Ein Fehler, wie sich herausstellte. „Fichtenholz ist halt nicht so langlebig. Anfang der 2000er Jahre war das Buchstein-Haus baufällig. Abriss und Neubau. „Seit dem Jahr 2010 steht das neue Gebäude“, erzählt „Tschitschi“. „Mit viel Lärchenholz und modernen Materialien. Der Charakter einer Hütte blieb trotz des Neubaus erhalten. „Das war uns wichtig.“

Fast alles ist neu im Buchsteinhaus. Nur die Aussicht nicht. Warum auch Bewährtes ändern
Fast alles ist neu im Buchsteinhaus. Nur die Aussicht nicht. Warum Bewährtes ändern?
An schönen Tagen herrscht hier Hochbetrieb
An schönen Tagen herrscht hier Hochbetrieb

Draußen schüttet es inzwischen. Ich bin gerade noch rechtzeitig angekommen. Trocken. Denise arbeitet hier seit wenigen Wochen als Saisonkraft. Sie lächelte mir bei meiner Ankunft entgegen. „Das nenne ich mal Timing“. Die 23-Jährige hat eigentlich Malerin gelernt. Jetzt probiert sie etwas Neues aus. „Mein Traum wäre es, irgendwann einmal ein Haus als Wirtin zu übernehmen.“ Warum? „Ich liebe die Ruhe. Hier bimmelt eben nicht ständig das Handy. Denn es gibt kein Netz.“  Ihre Kollegin Nadine nickt zustimmend. Auch die gelernte Optikerin verbringt ihre erste Saison auf einer Hütte. „Das normale Angestellten-Dasein war nichts für mich.“ Jetzt arbeitet die 24-jährige Nadine bis Oktober im Buchsteinhaus. Ihren Verdienst spart sie. „Dann gehe ich auf Reisen, will etwas von der Welt sehen.“

Hahn im Korb: Tschitschi zwischen Denis (links) und Nadine
Hahn im Korb: Tschitschi zwischen Denise (links) und Nadine

Ihr Chef, Hüttenwirt Helmut Tschitschko, versteht das nur zu gut. Er arbeitet seit acht Jahren unterhalb vom Großen Buchstein, der tolle Bergsteiger- und Kletterrouten bietet. „Ich kann mir keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen.“ Hier ist er sein eigener Herr, kann das machen, was er so liebt: Kochen.

„Tschitschi“ und ich sitzen in der großen Küche, trinken einen Kaffee und quatschen. „Gibt es neue Nachrichten aus aller Welt?“, fragt er mich. „Keine Ahnung, ich bin gerade ganz weit weg vom aktuellen Geschehen“, antworte ich. „Sehr gut. Dann hast du das richtige Fundament, damit du dich hier wohlfühlen kannst.“ „Und das wäre?“, hake ich neugierig nach. „Meistens ist es mir jedenfalls egal, ob ich heute oder morgen eine Neuigkeit erfahre“, gibt Tschitschi zu bedenken. Punkt und Pause. Neben uns bullert der große Herd. Er ist Helmuts Lebensmittelpunkt. „Ein super Teil, mit dem ich mich über Monate angefreundet habe.“ So ein Ofen scheint ein Eigenleben zu haben. Wo brate ich am besten auf der gusseisernen Platte? An welcher Stelle kocht das Wasser am schnellsten? Wie lange darf ich den Braten ins Backrohr schieben, ohne dass er verschmort? „Mittlerweile weiß ich das.“ „Dann ist das eine Freundschaft, die sich auf Raten entwickelt hat?“, frage ich. „Ja, aber eine für’s Leben“, lacht „Tschitschi.“

Nach dem großen Regen ziehen dichte Wolken über das Land
Nach dem großen Regen ziehen dichte Wolken über das Land

Eine richtige, also staatlich anerkannte Ausbildung zum Koch hat der 46-jährige Mann nicht absolviert. Dennoch hat er viel gelernt. Vor allem, als er zehn Jahre lang in Wien gekocht hat. „Das war meine Lehrzeit“, sagt er mit ein bisschen Stolz. „Okay – ohne Diplom.“ Irgendwann aber mochte er nicht mehr in der Großstadt leben.  Er bewarb sich für das Buchsteinhaus und bekam den Zuschlag. Seither prägt er die Hütte mit seinem Ideenreichtum. „Ich koche regionale Gerichte, verfeinere sie aber mit eigenen Gedanken.“ Oft entstehen dann neue Kreationen, die sich herumsprechen. Seine Wildgerichte sind legendär. Immer nach Schema F kochen, käme für Helmut Tschitschko nicht infrage. „Das würde mich einengen.“

Das Gesäuse in der Steiermark scheint nicht nur für ihn der richtige Ort zu sein. Das kleine Gebirge mit den vielen Möglichkeiten ist ein Platz zum Gedanken sortieren und schweifen lassen. Ein Fleckchen Freiheit. Draußen hat der Regen nachgelassen. Die Wolken haben sich ein bisschen verzogen. Die Abendsonne strahlt die Berge direkt gegenüber vom Buchsteinhaus an: Hochtor, Planspitze, Zinödl leuchten. Gestern war ich noch dort. Plötzlich tippt mir Tschitschi auf die Schulter. Ich drehe mich um und frage. „Darf ich wiederkommen?“ „Freilich. Du brauchst diese Freiheit offenbar genauso wie ich.“

Der liebe Gott lässt das Gesäuse leuchten
Der liebe Gott lässt das Gesäuse leuchten

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