Würste, Weite, Warteschlangen

Morgenstund hat Gold im Mund

Morgens bin ich auch einer der ersten Wanderer, der aufbricht. Eine Tasse Kaffee, ein Marmeladen-Brot, Rucksack geschultert, tigere ich in der „Fastdämmerung“ los. Rasch wird die Knorrhütte kleiner und ich mache Höhenmeter. Die frische Morgenluft tut gut, sie wirkt reinigend nach der doch eher stickigen Nacht im Sammellager. Nach einer Stunde erreiche ich das Zugspitzplatt. Dort, wo die Zahnradbahn ihre Endstation hat und von wo aus dann Gondeln zum Gipfelplateau schweben. Nur um diese Uhrzeit noch nicht. Es ist zu früh.

Das Schneefernerhaus ist jetzt eine Forschungsstation

Und es wird jetzt steil. Über einen Geröllhang geht es in die Höhe. Links davon thront das Schneefernerhaus auf gut 2.600 Metern. Früher war das ein Hotel. Heute ist es eine Forschungsstation, in der Wissenschaftler den Klimawandel beobachten, Daten erheben und auswerten. Der Gletscher, der Schneeferner, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Grau-braun liegt der immer noch größte deutsche Gletscher in der Morgensonne.

Der klägliche Rest eines einstmals stolzen Gletschers

Traurig wirkt das, oder besser: ernüchternd. Weil die auch von uns Menschen gemachte Erderwärmung den einstigen Frostkoloss in eine kleine, mickrig-schmutzige Frustschürze verwandelt hat.

Und hier geht es auf die Spitze

Noch habe ich etwa 300 Höhenmeter vor mir. Der Aufstieg durch das Geröllfeld hat meine Schweißporen geöffnet. An Stirn, Rücken, Brust und Armen rinnt salzige Brühe hinab. Ich schnaufe, war offensichtlich lange nicht mehr in so einer Höhe. Aber ich liebe das, zumal der Gipfel wartet. Drahtseil gesichert ist der Pfad, der mich dorthin bringt. Immer wieder wandert der Blick Richtung Süden, nach Österreich. Ich sehe die Berge, die mich gestern von der anderen Seite aus begleitet haben. Und dann stehe ich auf dem Gipfel-Plateau.

Noch ist wenig los. Auch an Deutschlands höchst gelegnenen Briefkasten

Um kurz vor neun Uhr ist hier nicht viel los. Ein paar Leute. Der Hüttenwirt vom Münchner Haus, der Kioskbesitzer, ein paar Angestellte der Seilbahnbetriebe, wenige Bergsteiger und neugierige Dohlen.

Dohlen sind elegante Flieger und neugierige Geschöpfe

Nur ein zwei Stunden später herrscht hier oben alles andere als Beschaulichkeit. Schon gar nicht bei so einem Wetter. Nur ein leichter Wolkenschleier. Die Sonne strahlt, wie sie es in diesem Spätsommer so oft macht. Nur die Luft kommt schon herbstlich frisch daher. Klar.

Himmelsleiter zum Gipfel auf 2.962 Meter

Klar, dass ich nicht lange warte und die letzten Meter zum Gipfelkreuz in Angriff nehme. Ein paar Stufen geht es hinab, einen kurzen vielleicht drei Meter langen gesicherten Grat queren, dann eine Eisenleiter hinauf und schon glänzt das Gipfelkreuz in der Morgensonne. Und ich bin fast allein auf Deutschlands und Bayerns höchstem Berg. Auf 2.962 Metern. Das hat Seltenheitswert.

Das ist Deutschlands höchster Punkt

„Yeah, Bergfest“, lache ich innerlich. „Der achte von 16 Gipfeln auf meiner Ländertour. Halbzeit.“ So ein Anstieg macht Durst, Lust auf einen Kaffee. Ich gehe zum Münchner Haus und bestelle am Kioskfenster einen Becher, komme dabei mit Toni Zwinger ins Gespräch. Er hilft hier in der Saison als Service-Kraft aus. Eigentlich ist der Toni Schlosser. Auch er genießt noch die Ruhe vor dem Sturm. „Denn nachher“, sagt er, „da wird hier oben wieder die Hölle los sein.“

Toni Zwinger ist seit einigen Jahren hier oben am Münchner Haus

Wie viele Weißwürste, Kaiserschmarren, Gulaschsuppen und Brezen dann über den Tresen gehen, weiß Toni nicht genau. „Aber es sind jede Menge.“ Manchmal ist ihm das auch alles zu viel. Dann geht er an seinem freien Tag in die Berge. In die stillen, da, wo er für sich sein kann. Und doch ist die Zugspitze etwas Besonderes.

Gustl mit der blauen Schürze

Vielleicht auch, weil es hier oben den höchst gelegenen Briefkasten von Deutschland gibt oder die wohl am höchsten Punkt des Landes gegrillte Bratwurst. Womit ich bei Gustl wäre, dem Bräter. Gustl heißt mit Familiennamen Wenrich, ist Pensionär und war 40 Jahre lange in leitender Position bei der Spielbank in Garmisch-Partenkirchen. Drunten im Tal. Jetzt grillt er zum Zeitvertreib Bratwurst und trägt eine blaue Schürze.

Bratwurst auf höchstem Niveau mit Senf und Semmel

Auf der steht als Höhenangabe 2.964 Meter. Das macht mich stutzig. „Willst du die Geschichte hören?“, fragt mich Gustl. „Natürlich!“ Der Westgipfel der Zugspitze war genau 2.964 Meter hoch, also zwei Meter höher als der Gipfel da drüben.“

Fernsicht mit jeder Menge Gondeln und Gipfeln

„Warum war?“ frage ich. „Ja, dann kam der Hitler und wollte hier oben einen Flugbeobachtungsposten oder so etwas errichten und hat den Westgipfel wegrasieren lassen. Er hat ihn gesprengt. Aber auf der Schürze steht eben die alte Höhenangabe. Als Mahnung.“ „Wie viele Bratwürste verkaufst du an guten Tagen?“, hake ich nach. „Keine Ahnung“, antwortet Gustl. „Aber du musst doch wissen, was du verdienst?“ „Nee, das Geld zählt der Wirt. Zu viel Wissen belastet!“ Der Pensionär grinst. „Dann ist dir das also egal?“ Gustl der Grillmeister blinzelt einen Augenblick in die Sonne, dann rückt er das Gestell seiner Sonnenbrille zurecht und wendet eine Wurst. „Genau, das ist mir wurscht, aber so was von. Willst eine?“ Ich nicke: „Aber nur mit Senf!“ „Den gebe ich eh immer dazu.“

 

 

 

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