Herzschmerz

Zu einem gesunden Leben gehört für mich auch Bewegung. Draußen zu sein. Auf Berge zu steigen. Durch den Wald zu laufen oder zu radeln. Im See zu schwimmen.  Und eben auch, im kalten Wasser zu kraulen.

Entfernte ich all das aus meinem Leben, um jedes denkbare Risiko zu vermeiden, gewinne ich vielleicht ein Stück Sicherheit. Aber ich verliere Lebensqualität. „Was fehlt, merkt man oft erst, wenn es fort ist“, lautet eine dieser Volksweisheiten, die so abgegriffen klingen, bis sie plötzlich in das eigene Leben tropfen. Ausgerechnet die Wochen des Stillhaltens haben mir gezeigt, warum ich mich so gerne bewege.

Risiko der Freiheit

Nicht, weil ich Kilometer sammeln muss. Nicht, weil eine Uhr meine Leistung misst. Nicht, weil ich irgendjemandem etwas beweisen möchte. Bewegung bedeutet für mich Freiheit. Ein Grund, warum mich Eisschwimmen so fasziniert. Es reduziert die Welt für einen kurzen Moment auf das Wesentliche. Körper. Wasser. Kälte. Atem. Gegenwart. Mehr braucht es nicht. Und jetzt kommt etwas hinzu: Zweifel.

Gegen den (inneren) Widerstand

Vielleicht wird er beim nächsten Mal mit mir ins Wasser steigen. Vielleicht werde ich noch achtsamer und vorsichtiger sein. Kürzer schwimmen. Noch bewusster abwägen. Vielleicht werde ich an manchen Tagen am Ufer stehen und entscheiden: Heute nicht. Auch das wäre Freiheit.

Eigenverantwortung bedeutet für mich nicht, Warnungen zu ignorieren. Sie bedeutet ebenso wenig, aus Angst auf alles zu verzichten. Sie bedeutet, Entscheidungen zu treffen, obwohl es keine absolute Gewissheit gibt. Das ist unbequem.

Seiten: 1 2 3 4 5 6

Kommentare

4 Kommentare zu „Herzschmerz“

  1. Antje Schwartz

    Hallo Jörg! Kann ich so gut nachempfinden, daher mal raus aus der Insta-Anonymität. Ich bin im Frühjahr ein paar Tage nach dem Cold Water schwimmen, in der Binzer Bucht in der Chest Pain Unit gelandet und mit eine meiner größten Sorgen war es nicht mehr ins kalte Wasser zu dürfen. Letztendlich war es Selbstüberschätzung, bei heftigem Sturm und Wellen und ungeübt in Neopren und nur mäßig begnadete Schwimmerin, mich durch das Meer zu kämpfen, was dann zum Glück doch nicht zu Herzprobleme geführt hat, aber zu einer Knorpelentzündung am Übergang von den Rippen zum Brustbein und zum Rücken und den Luftröhre hoch und erst nach ein paar Wochen Ibuprofen und keinen Sport machen wieder weggegangen ist. Die Verunsicherung blieb und ich bin ziemlich aufgeregt und verunsichert, ob ich gut auf mich höre im Frühsommer in das nächste Abenteuer in die Arktis gestartet. Das war aber gut so. Jetzt ist wieder alles weitgehend in Ordnung, die Erinnerung an das Scheissgefühl bleibt, abgewogen wird genauer, aber letztendlich eine unendliche Dankbarkeit bewusst dort weiterzumachen, wo man hin möchte oder ist. in diesem Sinne weiter viel Spaß. Es war schön Deinen Artikel zu lesen. Er hat mir aus dem Hetzen gesprochen. Bleib schön mit Gesund. Antje

    1. Jörg Wunram

      Liebe Antje, vielen Dank, dass du mir das geschrieben hast. Das macht Mut und gibt Zuversicht. Letztlich liegt es an uns, was wir uns zutrauen und machen sollten. Selbstbestimmheit hat ihren Preis. DANKE

  2. Oh, was ein Dilemma. Was eine Aufgabe, das richtige Maß zu finden, wenn einem niemand sagt, was „richtig“ in diesem Zusammenhang ist.
    Was bleibt, ist die Dringlichkeit, sehr genau auf den eigenen Körper zu hören und alle Signale ernst zu nehmen. Was immer sie bedeuten mögen.
    Toi toi toi dabei.
    Liebe Grüße Lutz

    1. Jörg Wunram

      Moin Lutz, du Seelenverwandter. Danke dir. Ja. Wir müssen auf uns aufpassen. Wenn wir es nicht tun, wer dann… Auf BALD

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert