„Kälte lässt mich kalt“

„Kälte lässt mich kalt“

 8. Juni 2022

Anke Tinnefeld denkt meistens schön positiv

Das wären traumhafte Bedingungen. Kaum Wind, die Ostsee fast wellenlos, Sonne. Anke Tinnefeld stellt ihre Tasche neben den Strandkorb und atmet erst einmal tief durch. Dann blinzelt sie ein bisschen und lacht. Die Sportlerin ist fast allein auf weiter Flur. Nur wenige Spaziergänger stapfen am Strand vor Scharbeutz entlang. Ein Hund tollt herum, springt im Ostseewasser umher und jault. Sind ihm die elf Grad Wassertemperatur etwa zu kalt?

Ost-See-HUND

„So langsam wird es ernst“, flüstert Anke Tinnefeld. „Nur noch sechs Wochen bis zum Tag X.“ Wann genau der ist, weiß die Elmshornerin nicht. Extremschwimmen ist immer auch ein Ritt ins Ungewisse. „Die doppelte Fehmarnbelt-Querung kann gut gehen, muss sie aber nicht.“ Ende August also will Anke von Fehmarn nach Dänemark schwimmen und wieder zurück. Zusammen etwa 42 Kilometer Luftlinie. Strömungen verlängern die Strecke. Um wieviel? Anke Tinnefeld zuckt mit den Achseln. „Keine Ahnung.“

„Da hast du viel Zeit zum Nachdenken“

Anke Tinnefeld über Marathonschwimmen

Das bedeutet aber nicht, dass sie sich blauäugig in ein Abenteuer stürzt, das auch übel ausgehen kann. Nein, lebensmüde ist Anke bestimmt nicht. Auch wenn Nichtsportler manchmal anderer Meinung sein mögen. „Wenn du da draußen Stunde um Stunde vor dich hin kraulst, da hast du viel Zeit zum Nachdenken.“ Im Training oder bei einer Querung wie dem Fehmarnbelt oder dem Ärmelkanal von England nach Frankreich. Letzteren hat Tinnefeld bereits vor vier Jahren erfolgreich durchschwommen.

Ostsee statt Nordsee

Die Erinnerungen sind noch sehr präsent. Stundenlang lang krault sie seinerzeit von England nach Frankreich, macht schmerzhafte Bekanntschaft mit Feuerquallen, den Strömungen, der Kälte, der Dunkelheit und dem Plastikmüll. Aber aufgeben? Das wollte sie nie. „Und über Kälte denke ich auch nicht mehr nach. Sie lässt mich quasi kalt.“ Tinnefelds britische Trainerin erzählt später, Anke habe 2018 nicht ein einziges Mal geschimpft oder gemeckert. „Ich bin einfach nur geschwommen.“ Meter für Meter, Zug um Zug, Kilometer um Kilometer, bis sie irgendwann französischen Meeresboden unter den komplett aufgeweichten Füßen spürt. Nach mehr als 15 Stunden im Wasser. „Ja, ich habe geweint!“

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