Natur

  • Kurzentschlossene erleben mehr

    Kurzentschlossene erleben mehr

    Ein freier Nachmittag, ein Schritt nicht auf, sondern in den Berg: In die Lurgrotte bei Peggau in der Steiermark. Wo die Zeit eine andere Dimension hat. Zwischen Kalkzapfen, Höhlenbär und Wasserläufen. Eine Unterwelt, die sich nur langsam erschließt.

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    Manchmal braucht es nicht mehr als ein freies Zeitfenster und eine spontane Entscheidung. Wie neulich. Ich stehe in Peggau vor dem Eingang der Lurgrotte, die Mur rauscht irgendwo unten im Tal, und ich denke: Rein da.

    90 Minuten später werde ich wieder draußen sein. Verzaubert. Die Eindrücke aus der großen Tropfsteinhöhle schwingen nach. Aber der Reihe nach. Helmut Schaffler wartet schon. Staatlich geprüfter Höhlenführer ist er, einer mit Routine und besonderem Schmäh.

    „Bleibt auf den Steigen“

    „Zu Ostern geht’s los, bis Oktober. Hunderte Führungen“, sagt er und grinst. Dann geht es hinein. Zehn Grad. Konstant. Das gesamte Jahr über.

    Die Schritte hallen, Wasser rauscht, von den Felsgewölben tropft es leicht. Mit jedem Meter verschiebt sich mein Gefühl für Zeit. Tropfsteine wachsen hier nicht im Eiltempo – sie entstehen. Langsam. Unaufhaltsam. „Leute, bleibt’s bitte auf den Steigen“, sagt Schaffler. „Das tun sie leider nicht immer. Es gibt Unbelehrbare.“

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  • Flausen, Fels, Familienmensch

    Flausen, Fels, Familienmensch

    Es gibt Menschen, die sich verschenken. Der Kletterer Simon Gietl ist so einer. Bergführer, Extremkletterer – und für manche ein Gutschein mit Aussicht. Der Südtiroler hat jede Menge Erstbegehungen absolviert. Die Belohnung? Kein Pokal, sondern Apfelstrudel.

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    Später Nachmittag in Luttach im Ahrntal. Ein Wirtshaus, gedämpfte Stimmen. Hier regiert Dialekt. Simon Gietl sitzt am Ecktisch, bestellt Espresso, die Haare ein wenig zerzaust, die gelbe Jacke leuchtet.

    Er winkt kurz in den Raum, lächelt – ein Gesicht, das eher an einen Lausbub‘ erinnert als an einen der stärksten Kletterer seiner Generation. Simon Gietl, 41, Bergführer, Familienvater, Extremkletterer. Aufgewachsen in Oberwielenbach, einem kleinen Dorf im Pustertal.

    Viel Freiheit, wenig Programm. Die Natur als Spielplatz. Schwerter aus Ästen, Stürze in den Bach inklusive. „Eigenverantwortung“, sagt er heute, „ist eines der größten Geschenke meiner Eltern.“

    Der Weg zum Klettern beginnt spät. Mit 18. Per Anhalter unterwegs, in der Nähe von Toblach. Ein älterer Bergsteiger nimmt ihn mit, erzählt von der Großen Zinne in den Dolomiten. Eine halbe Stunde Autofahrt, die das Leben des jungen Mannes verändert.

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  • Suche nach dem Zauberberg

    Suche nach dem Zauberberg

    Abenteurer, Asienkenner und Alpinist. All das war Gottfried Merzbacher. Am 26. April jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Obwohl er zahlreiche alpine Erstbegehungen und Expeditionen absolviert hat, drohte sein Erbe in Vergessenheit zu geraten. Zu Unrecht.

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    Kräftige Böen rütteln am Zelt. Die Plane klappert gegen die Stangen. Ein 60-jähriger Mann sitzt an einem kleinen Klapptisch, notiert Zahlen und schreibt auf, was er draußen sieht: Riesige Gletscher, die größer sind als alles, was er bisher gesehen hat.

    Gottfried Merzbacher, ein Pelzhändler aus Bayern. Er ist in Zentralasien unterwegs. Im „Himmelsgebirge“, im Tien Shan. An jenem Sommertag des Jahres 1903 hockt der Abenteurer zwischen Kisten, seiner Fotoausrüstung und Messgeräten. Er versucht, das Gesehene in Worte zu fassen. Keine leichte Aufgabe. Schon der Weg bis hierher war alles andere als einfach.

    Reisen für die Forschung

    „Von allen Hochgebirgen der Erde sind wohl die zentralasiatischen, also auch das Tien Shan, die am schwersten zugänglichen,“ notiert er in sein Tagebuch. „Die Gletscher im Himmelsgebirge gehören sicher zu den größten kontinentalen Eisströmen“. Er muss es wissen. Merzbacher hat viele Gegenden der Erde besucht.

    In Persien war er, im Oman, in Kaschmir, in Nordafrika, im Kaukasus, in China und in den Alpen. In den Dolomiten, am Wilden Kaiser und anderswo.

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  • Glückliche Ungewissheit

    Glückliche Ungewissheit

    Ostern. Zeit für Neubeginn – heißt es. Aber was bedeutet das wirklich? Auf meiner letzten Reise zeigt sich: Auferstehung passiert nicht im Großen, sondern in der Gegenwart des Gewöhnlichen. Und im Glück, immer wieder aufzustehen.

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    Eine unruhige Nacht, wilde Träume, erschlagen am Morgen. Kennt Ihr das? Und dann schaust du ganz früh aus dem Fenster. Der Wind treibt dunkelblaue Wolken über die bewaldeten Höhen rund um Peggau. Was wird das wohl für ein Tag werden? Ein neuer und ungewisser.

    Ich bleibe noch einen Moment liegen. Zwischen Resten der Nacht und dem, was kommt. Noch umgibt mich Müdigkeit, ein leiser Widerstand. Und doch zieht etwas nach draußen. Ist es die Peggauer Wand? Das Naturschutzgebiet, in dem Wanderfalken, Fledermäuse und Uhus leben? Kletterer und Naturschützer liegen hier öfter mal im Clinch. Streit ist für mich heute früh kein Lockvogel.

    Gewiss kein Traum

    Für mich sind es heute früh die kühle Luft, die Bewegung der Wolken, dieses erste, noch ungeordnete Licht, die mich nach draußen locken. Und eine gewisse Ungewissheit, die nicht lähmt. Weil sie offen ist. Ich raffe mich auf. Schuhe, Jacke, ein erster Schritt vor die Tür. Die Luft ist kühl, klar, fast scharf. Jeder Atemzug holt mich zurück. Weg von den Träumen, hinein in den Morgen.

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