Südtirol

  • Flausen, Fels, Familienmensch

    Flausen, Fels, Familienmensch

    Es gibt Menschen, die sich verschenken. Der Kletterer Simon Gietl ist so einer. Bergführer, Extremkletterer – und für manche ein Gutschein mit Aussicht. Der Südtiroler hat jede Menge Erstbegehungen absolviert. Die Belohnung? Kein Pokal, sondern Apfelstrudel.

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    Später Nachmittag in Luttach im Ahrntal. Ein Wirtshaus, gedämpfte Stimmen. Hier regiert Dialekt. Simon Gietl sitzt am Ecktisch, bestellt Espresso, die Haare ein wenig zerzaust, die gelbe Jacke leuchtet.

    Er winkt kurz in den Raum, lächelt – ein Gesicht, das eher an einen Lausbub‘ erinnert als an einen der stärksten Kletterer seiner Generation. Simon Gietl, 41, Bergführer, Familienvater, Extremkletterer. Aufgewachsen in Oberwielenbach, einem kleinen Dorf im Pustertal.

    Viel Freiheit, wenig Programm. Die Natur als Spielplatz. Schwerter aus Ästen, Stürze in den Bach inklusive. „Eigenverantwortung“, sagt er heute, „ist eines der größten Geschenke meiner Eltern.“

    Der Weg zum Klettern beginnt spät. Mit 18. Per Anhalter unterwegs, in der Nähe von Toblach. Ein älterer Bergsteiger nimmt ihn mit, erzählt von der Großen Zinne in den Dolomiten. Eine halbe Stunde Autofahrt, die das Leben des jungen Mannes verändert.

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  • Auf alle Fälle

    Auf alle Fälle

    Fünf Wasserfälle. Fünf Fallstudien. Vom heilsamen Mikroklima in Partschins bis hin zum Königsbachfall in Bayern. Alle zeigen, wie fragil diese Urkraft der Natur ist. Auf der Spur des fallenden Wassers und der Energie des Lebens.

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    Wasserfälle sind mehr als nur herabstürzendes H2O. Sie sind Bewegung und Moment des Wandels. Seit jeher stehen die Kaskaden für Reinigung, für Neubeginn, für Kraft und sich im Fluss des Lebens fallen zu lassen.

    Wenn Wasser in die Tiefe rauscht, höre ich Energie. Tosend, unaufhaltsam und zerstäubend – immer lebendig. Für mich sind Wasserfälle Orte, an denen die unablässige Bewegung Demut einflößt. Orte, an denen ich tief atmen kann.

    Aus der Höhe in die Tiefe

    Wasserfälle zeigen symbolisch etwas, das im Alltag oft verloren geht: den Moment des Loslassens, des freien Falls. Alles wollen wir kontrollieren, festhalten, bestimmen, lenken. Es existieren aber Strömungen, gegen die wir nicht ankommen. Mit ihnen vielleicht.

    Die Energie des Miteinanders können und sollten wir nutzen. Denn: Verschwinden wird diese Urkraft nie. Zum Glück. Wie viele Wasserfälle es im deutschsprachigen Raum gibt, lässt sich kaum exakt beziffern – es sind Tausende.

    Aber das passt. Wasserfälle entziehen sich einer exakten Vermessung. Weil Wetter und Niederschlagsmengen höchst unterschiedlich daherkommen. Hier stelle ich fünf Wasserfälle vor, die ich besucht habe. Fünf Orte, die mich daran erinnern, dass Erholung kein Luxus ist – sondern Voraussetzung für ein lebenswertes Leben. Mal prickelnd und erfrischend. Mal Furcht einflößend und ungezähmt. Aber immer zumindest feucht. Mit allen Höhen und Tiefen. Von Südtirol bis Südbayern.

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  • Zum Verrecken schön

    Zum Verrecken schön

    Die Herleitung von Namen ist mitunter amüsant. In diesem Beitrag etwa geht es um den Ursprung der Bezeichnung Defereggental. Kürzlich erst war ich dort. Am Staller Sattel und im Obersee.

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    Der Motor schnurrt leise. Jan Raneburger sitzt am Steuer des Kleinbusses. Der Van gleitet die Straße ohne große Mühen hinauf. Ins Defereggental, Richtung Südtirol.

    Ein Sonntag im Mai. Die beiden Dörfer Hopfgarten und St. Veit liegen bereits hinter uns. Mit an Bord Gertraud Brugger, Jans Frau, deren Kinder Paula und Josef, sowie Christine Kutschera und ich. Für Gerti und Jan ist das Defereggental bekanntes Terrain. Die beiden vermieten im nahgelegenen Matrei Ferienwohnungen und Coworking-Plätze. In einem uralten Bauernhof, im Kesslerstadel. Mit Gästen unternehmen sie – wenn es die Zeit zulässt – gerne eine Tour.

    Heute ins Defereggen, das für Christine Neuland ist. Ich kenne bislang den unteren Teil des Tales. Nur noch ein paar Kilometer bis St. Jakob, der dritten der insgesamt drei größeren Gemeinden in dem Osttiroler Tal .

    Siechtum im Tal?

    „Wisst ihr, woher der Name Defereggen der Legende nach kommt?“, fragt Jan. Kopfschütteln. „Früher wurden Menschen mit unheilbaren ansteckenden Krankheiten in ein abgelegenes Tal zum Sterben geschickt. Dort konnten sie verrecken,“ schmunzelt Jan. „Für diese Herleitung lege ich meine Hand aber nicht ins Feuer.“

    Abgelegen ist das Defereggental tatsächlich. Und wundervoll ruhig. Es gilt als eines der ursprünglichsten Täler der Ostalpen und verbindet Osttirol mit Südtirol.

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  • Schlupfloch der Hoffnung

    Schlupfloch der Hoffnung

    Erinnerungen sind so wertvoll. Gerade dann, wenn man sie auffrischen kann. Wie kürzlich bei der Rückkehr ins Südtiroler Ahrntal. Vor etlichen Jahren bin ich auf einer hochalpinen Tour von Österreich über die Birnlücke nach Italien gewandert.

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    Vor gut 20 Jahren: Ich bin ich zu Besuch in den Krimmler Tauern. Spontan entscheide ich mich damals zu einer mehrtägigen Tour auf einem uralten Saumpfad. Von Krimml nach Sand in Taufers.

    Der Name „Tauern“ hat – nur kurz angemerkt – einen keltischen Ursprung. Er bedeutet so viel wie Übergang. Später wird der Begriff für die gesamte Gebirgskette der Hohen Tauern verwendet. Die Birnlücke ist also ein Übergang im Übergang.

    Damals starte ich am Krimmler Tauernhaus. Bequem hat mich ein Hütten-Taxi hierher chauffiert. Knapp drei Stunden geht es zu Fuß hinauf über Hochalmen zur Warnsdorfer Hütte auf 2.336m. Ein kurzer Abstecher noch zum nahe gelegenen Eissee, in dem auch im Sommer kleine Eisberge schwimmen. Wieder hinab zum Schutzhaus und weiter bergan. Gut zwei Stunden schweißtreibend zur Birnlücke auf 2.665 Metern über Seehöhe.

    Pfad in die Vergangenheit

    Die Scharte ist seit Ende des ersten Weltkriegs die Grenze zwischen Österreich und Italien. Seit jeher ein alter Saumpfad. Und ein Übergang für Weidevieh aus Südtirol. Die Bauern haben auf österreichischer Seite uralte Weiderechte. Seit Menschengedenken treiben die Südtiroler ihr Vieh im Frühsommer nach Österreich. Im Herbst retour. Heute kommen die Tiere per LKW ins Krimmler Achental. Dort bleiben sie den Sommer über und werden anschließend – gut trainiert auf den Almen – über die Birnlücke wieder nach Italien getrieben. Archaische Welt in der Gegenwart.

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