Von Marrakesch nach M’Hamid

Von Marrakesch nach M’Hamid

 1. März 2017

Schnee ist in Marokko keine Seltenheit, zumindest im Hohen Atlas nicht
Schnee ist in Marokko keine Seltenheit, zumindest im Hohen Atlas nicht

Wir biegen ins Dades-Tal ein. Wie an einer Perlenkette aufgezogen, Haus an Haus. Im Licht des späten Nachmittags glühen die Fassaden so rot als würden sie in Flammen stehen. Im Norden erkenne ich schemenhaft die schneebedeckten Gipfel des Hohen Atlas. Wieder verschleiert. Irgendwie surreal. Entlang der Straße herrschen frühlingshafte 25 Grad, im Gebirge winterliche Temperaturen. „Eisige“, findet Ali, der auch in der Tiefebene eine Daunenjacke trägt.

Für Marokkaner ist noch Winter

Für ihn ist noch Winter und für die meisten Marokkaner auch. Vor allem, wenn sie – oft auch zu zweit – auf dem wohl wichtigsten Verkehrsmittel des Landes sitzen. Auf ihren knatternden Mopeds. Vermummt in dicken Jacken gehen sie ihrem Tagwerk nach, ehe sich die Sonne verabschiedet und sich die Kälte der Nacht über das nackte Land legt und ich wieder aus meinem Riad (Hotel) in die fruchtbare Oase schaue. Die Mandelbäume sind in voller Blüte, die Aprikosen auch und das Gras ist saftig grün. Nur die Feigen und Walnussbäume sind noch kahl und leuchten grau-weiß in der Abendsonne.

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Die Mandelblüte ist ein Schauspiel
Eingang zur Dadesschlucht
Eingang zur Dadesschlucht

Aufbruch früh morgens. „Ein weiterer Mohammed“ wartet auf mich. Er wird mich durch die Dadesschlucht begleiten. Vorbei an einem Wasserfall, der sich in die Tiefe stürzt. Auf dem Felsen daneben sind die Farben der Berber verewigt. Gelb für die Wüste, Grün für die Oasen, Blau für das Meer, womit das Gebiet abgesteckt wäre, in dem die Berber in Marokko leben.

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Kühler Sturz in die Tiefe im Land der Berber

Sie sind ein stolzes Volk, haben inzwischen viele Rechte in dem nordafrikanischen Land und ihre Sprache ist als eigenständig anerkannt. Sie wird in den Schulen gelehrt. Aus ihrer Sprache übersetzt heißen die Berber „freie Männer“. Mohammed fühlt sich auch so: als freier Mann. An seinem Haus machen wir einen Zwischenstopp. Er holt Verstärkung. Ein Maultier. „Pack deinen Rucksack in die Tragetasche“, fordert er mich freundlich auf. Ich hatte damit nicht gerechnet und nehme das Angebot gerne an. Artig sage ich شكرا  –  shukran –  danke.

Braves Tier mit Puschelohren
Braves Tier mit Puschelohren

Der Weg ist nicht sonderlich anstrengend, dafür umso abwechslungsreicher. Erst laufen wir entlang der Straße, dann biegen wir in eine Schotterpiste ein und einige Augenblicke später folgen wir einem ausgetrockneten Flussbett. Nach 999 Steinen habe ich aufgehört zu zählen. Es sind Fantastilliarden. In einem kleinen Dorf machen wir Rast.

Das ausgetrocknete Flussbett trügt. Unter dem Meer aus Steinen rauscht es talwärts.
Das ausgetrocknete Flussbett trügt. Unter dem Meer aus Steinen rauscht es talwärts.

Wie überall in Marokko gibt es zur Begrüßung Tee. Grünen Tee. Süß wie die Liebe und lecker. Tee spielt in dem Land eine außerordentlich wichtige Rolle. Er ist ein Zeichen der Gastfreundschaft. Für ein Gläschen Tee haben die Marokkaner immer Zeit. Auch für die dazugehörige Zeremonie des Einschenkens. Die Kanne wird in die Höhe gehoben und die Flüssigkeit plätschert in einem leisen Gurgeln in das Glas. Mustafa, mein Guide, spricht vom „Berber-Wiskey“.

Im Hintergrund leuchten die „Monkey Fingers“. Eine Felsformation, die in meinen Augen viel mehr ist als totes Gestein. Die Natur hat hier eine Skulptur geschaffen, die – bei genauer Betrachtung und ein bisschen  Fantasie – tatsächlich wie die Finger eines Affen aussehen.

Dünne Stein-Nadeln stechen in die Höhe, Zuckerhüte wölben sich über den Boden und dicke Felsnasen ragen hervor. Wasser und Wind sowie Hitze und Kälte fräsen immer noch tiefe Spalten in das eisenhaltige Gestein. So eindrucksvoll, dass mir die Worte dafür fehlen.

Betend vor dem Berber-Haus
Warten auf Besuch oder Gebet?

Zwei Stunden laufen wir in gemächlichem Tempo durch den Süden des hohen Atlas. Dann zeichnet sich am Horizont eine kleine Lehmhütte am Horizont ab. Ich höre schon das Meckern der Ziegen. Eine Rauchschwade schwebt über dem Haus. Davor sitzt eine alte Frau. In Blau gekleidet hockt sie auf ihrem Kissen. Sie spielt mit einer Kette und scheint zu beten. Sie begrüßt uns freundlich. Um sie herum turnen zwei Mädchen. Vier und sechs Jahre alt. Leila und Fatimah leben hier mit ihren Eltern als Nomaden. Auch sie sind Berber. Bis zum späten Frühjahr haben sie hier ihr Quartier aufgeschlagen. Wenn es im Hohen Atlas keinen Schnee mehr gibt und es nicht mehr so kalt ist, ziehen sie dorthin weiter.

Materiell hat die Nomadenfamilie nicht viel. Aber sie sagt: Wir haben alles, was wir brauchen.
Materiell hat die Nomadenfamilie nicht viel. Aber sie sagt: Wir haben alles, was wir brauchen.

In der Küche in der Lehmhütte dampft und raucht es. Auf dem Herd – eine Feuerstelle – steht ein großer Topf. Darin kocht ein Stück Rindfleisch. Leilas Mutter Athisha bereitet ein كسكسي (Couscous) vor. Mit allem, was dazugehört. Hartweizengries, ein bisschen Rindfleisch und viel Gemüse, das sie selber auf den kleinen Feldern unten am Fluss anbauen.

Ein Feuer, ein Topf, noch ein Topf und die Berber-Küche ist fantastisch
Ein Feuer, ein Topf, noch ein Topf und die Berber-Küche ist fantastisch

Drei Stunden dauert es, ehe ein echtes „Berber-Couscous“ fertig ist. Ich schaue neugierig zu, wie Athisha Lahen Ait Ouali das in aller Ruhe zubereitet. Dabei erzählt sie ein bisschen und Mohammed übersetzt. „Ja, das Leben ist hier nicht einfach.“ Aber tauschen mit den Menschen in der Stadt kommt für die Familie nicht in Frage. „Ich habe hier doch alles.“ Wer den Couscous gegessen hat, wird sie verstehen.

Turnen im Tal
Turnen im Tal

Am nächsten Morgen geht es wieder zurück. Mit Klettereinlagen im Dades-Canyon. Am Grund fließt noch recht viel Wasser. Schuhe aus und barfuß durch das kalte Wasser. Die Schlucht verdient ihren Namen, so eng wie sie ist. Manchmal bleibt nur ein Spalt von gerade einmal einem Meter, um hindurch zu schlüpfen. Ein bisschen Akrobatik schadet nicht.

Zwei Stunden später erreichen wir wieder Mohammeds Zuhause. Er lässt es sich nicht nehmen, mir das Haus zu zeigen und einen Tee zu servieren.  Mein Begleiter scheint es zu einem gewissen Wohlstand gebracht zu haben. Auch er profitiert vom Tourismus, so wie Ali, der schon an der Unterkunft wartet.

Kommentar für “Von Marrakesch nach M’Hamid

  1. Wie immer, sehr gelungen dein Report. Man möchte gleich mehr davon erfahren. Du wirst es uns sicherlich erzählen auf der Alm, wir lauschen dir sehr gerne zu, wenn du von deinen Erlebnissen erzählst.
    Liebe Grüße
    Susi & Adi

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